Geschichte

Eine Fahrt mit der Schwarzatalbahn im Jahre 1999

Von:Thomas Wedekind
Betrifft:Schwarzatal-Eindrücke
Newsgroups: de.etc.bahn.eisenbahn
Datum:1999/09/12

 

Hallo,
aufgeschreckt durch die Infos in dieser Gruppe, mußte gleich eine für nächstes Jahr vorgesehene Schwarza-Radtour (Bahn bis Katzhütte, dann bergab) auf heute umgeplant werden. Nach dem Landtagswahlergebnis wird man die Fahrt in dieser Form nie mehr machen können. Frage natürlich: Wie böse sieht es dort wirklich aus

 

Also:
Angekommen in Rudolstadt, zuerst Durchforsten der Aushänge. Obwohl es für den kleinen Fahrplanwechsel schon Infos gibt (u.a. zum neuen IC-Halt Jena-Paradies, was in RU niemand interessieren dürfte), zur Schwarzabahn nix außer Fahrplan

 

Im 628 nach Katzhütte zwei Fahrgäste, während er unter permanentem Einsatz der mißtönenden Zweiklanghupe ohne jeden Sicherheitsabstand durch Vorgärten, Grundstückseinfahrten und an den Blumenrabatten der Anwohner Rudolstadt- Schwarzas vorbeischleicht. Zur DDR-Zeit ging das schneller: Tempo 30 bis 50, einmal kurz hupen - wer nicht aufpaßte, hatte eben Pech. Nicht zu vergessen die riesige Autoschlange am BÜ über die B 88 - sollte es diese Bahn nicht mehr geben, fällt Rudolstadts bestes Verkehrsberuhigungsmittel weg. Aber wir sind ja noch nicht auf der Strecke, auf die es ankommt.

 

Bad Blankenburg: schmucker Bahnhof gegenüber der früheren Tristesse, die ich eine Zeitlang als Pendler genießen durfte. Man merkt: hier ist Hauptbahn. In Rottenbach muß etwas rangiert werden, weil auf der Katzhütter Seite nur ein Bahnsteiggleis nutzbar ist, die Triebwagen dennoch kreuzen. Die Abhilfe, Erneuerung eines vergammelten Gleiswechsels (übrigens mit altbrauchbarem Material), ist schon in Arbeit. Wir nehmen ein paar Umsteiger aus der RE-Linie Saalfeld - Erfurt auf, und mit 10 Reisenden geht es in die Berge.

 

Zunächst flott, dann Wald und Steigung, 20 km/h. Gleisbogen reihen sich fast ohne Übergang aneinander, und das Gleis ist derart extrem überhöht, daß man Abkippen des Zuges befürchten sollte. Solche Überhöhung für so langsamen Verkehr, auch wenn früher sicher 50 km/h gefahren wurden? Oberbauzustand: bescheiden. Verkrautetes Gleis, die kurveninnere Schiene völlig breit- und platt gefahren, die äußere zwar noch erkennbares Profil, aber der anlaufende Spurkranz hat eine schöne Stufe hineingeschliffen. Kilometerweit liegen Zwangsschienen, die den Oberbau auch nicht gerade verbilligen. Schließlich: alle paar 100 m kreuzt ein Waldweg, lange vorher mit Lf4 "10" angekündigt. Erst an der Eckentafel vor dem BÜ bremst die Tf'in scharf, schleicht über den Weg, beschleunigt wieder, ehe sie zwei Minuten später wieder in die Eisen steigt. Wir fahren doch Bahn und keinen Moto-Cross...

 

Schwarzburg: Ende der Cross-Strecke. Repräsentatives, völlig leeres Empfangsgebäude - das Städtchen war bis 1918 Residenzstadt. Irgendwo dahinter die einzige "neue" Langsamfahrstelle; 10 km/h an einem abstürzenden Geröll- und Felshang. So etwas ist aber in Thüringen normal und mit Arbeit, Spritzbeton und Fangnetzen reparierbar. Sitzendorf-Unterweißbach und Mellenbach-Glasbach sind besetzte Bahnhöfe mit Vor- und Hauptsignalen, Sitzendorf die bekannte Kombi- nation Lichtvor-/Formhauptsignal. Tempo eigentlich immer 20 km/h, unterbrochen durch ganz wenige, kurze "50"-Abschnitte. Zwischen dem aufgehobenen Hp Zirkel und Meuselbach-Schwarzmühle wird auf fast gerader Strecke ohne erkennbare Schäden sehr lange sehr langsam gefahren; daneben liegen massenhaft alte Betonschwellen in der Wiese. Alkaligeschädigtes Gleis? (Tödlich!)

 

An den Halten leert sich der Triebwagen Person für Person, am vorletzten Halt bin noch ich übrig - jedoch ein im Gras hockender Fotograf steigt hinten ein. Die Tf'in erzählt von einem Anwohner, der sich beschwert hat, daß sie beim Queren seiner (wohl gut einsehbaren) Grundstücksausfahrt manchmal _nicht_ hupt (entweder ersetzt der hupende Zug ihm die Uhr, oder er muß sein Kind erziehen). Der KiN sagt zur Frage "Sperrung": Offiziell ist gar nichts bekannt, aber es wird schon stimmen. In Katzhütte fahren wir auf zwei Flügel ein, was aber bei Streckengeschwindigkeit 20 km/h ein Hohn ist. Der Fotograf steigt in einen Citroen mit Würzburger Kennzeichen und dreht noch eine Runde auf der Ladestraße.

 

Was noch auffiel: Der Wagen (628 611) ließ keinen harten Stoß merken. Entweder ist er sehr gut gefedert (bin erst das dritte Mal mit diesem Typ gefahren), oder die Strecke ist, was Riffel und Schienenstöße angeht, in Ordnung. Wenn ich an Weimar - Kranichfeld denke, da gibt´s im Ferkel noch im Sitzen blaue Flecken. Auch: neben jedem Bahnhof irgend eine Industriebrache mit zugewachsener Anschlußbahn. Nur noch in Meuselbach ein arbeitendes Sägewerk, das per Lkw beliefert wird (auf dem abgetrennten Anschluß rostet noch eine grüne Kö vor sich hin). Was dieses Tal mal produziert hat - alles fort.

 

Beim Radeln geht´s unterhalb Katzhütte über einen Bahnübergang mit neuer Technik: elektrische Schranke (etwa über 3/4 der Straßenbreite), und ein schwarzes Teil, das wie ein großer Bewegungsmelder aussieht, blickt genau auf die Mitte des Übergangs. (Der Form nach keine Kamera.) Freimeldeeinrichtung? Bei Obstfelderschmiede wird eine neue Brücke vom Touristenparkplatz zur Bergbahnstation gebaut. Auf dem Parkplatz ca. 20 Autos, meist Mitteldeutsche, nur 2 aus Altbundesland, aber auch ein Schweizer.

 

Und, ach ja: die merkwürdig gedrängt aussehende Siedlung dort in der Nähe, an kahlgeschlagenem Berghang, mit für die Gegend unpassenden Appartementhäusern - das ist Neu-Leibis, die Heimstatt der Umgesiedelten, deren alter Ort in den Fluten der zukünftigen, rein wasserwirtschaftlich heute völlig unnötigen Talsperre Leibis versinken wird. Die heute gewählte Regierung wird dies Prestigeprojekt aus DDR-Planung durchziehen und viele Millionen Geldes hineinpulvern, das beispielsweise bei der Sanierung von Bahnstrecken besser angelegt wäre. Es gibt noch wichtigere Strecken in diesem Freistaat als im Schwarzatal, deren Zustand auch kaum besser ist.

 

Grüße, Thomas -------------

Thomas Wedekind

 

Beitrag 2 aus der Diskussionsgruppe

Von:Holger Metschulat
Betrifft:Re: Schwarzatal-Eindrücke
Newsgroups: de.etc.bahn.eisenbahn
Datum:1999/09/19

Thomas Wedekind schrieb:
> Technik: elektrische Schranke (etwa über 3/4 der Straßenbreite), und ein
> schwarzes Teil, das wie ein großer Bewegungsmelder aussieht, blickt genau auf
> die Mitte des Übergangs. (Der Form nach keine Kamera.) Freimeldeeinrichtung?

Bei Schranken, die den BÜ nicht vollständig abschließen, braucht man keine Freimeldeeinrichtung, da der Fluchtweg ja noch frei ist. Vielleicht war das der Gong, der Fußgänger, besonders Blinde, warnen soll?

-- Gruss * Holger Metschulat

 

Beitrag 3 aus der Diskussionsgruppe
Von:Michael Kauffmann
Betrifft:Re: Schwarzatal-Eindrücke
Newsgroups:de.etc.bahn.eisenbahn
Datum:1999/09/22

Thomas Wedekind wrote:

> Was noch auffiel: Der Wagen (628 611) ließ keinen harten Stoß merken.
> Entweder ist er sehr gut gefedert

Luftfederung.

Michael Kauffmann

raanzer.de