Geschichte

Text in der Dezember Ausgabe von Regio Takte vom Dez. 2002

 

Bergbahn klettert wieder Nach Lichtenhain und Cursdorf,

 

zwischen Rottenbach und Katzhütte: Bequem, im festen Takt, auf neuer Schiene

Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn (OBS) mit modernem Betrieb für Nahverkehr und Tourismus

 

Nachdem Bergbahn-Freunde aus dem In- und Ausland sowie ständige Thüringer Wald-Gäste mit einiger Geduld auf die Wiedereröffnung ihrer vertrauten ,,Oberweißbacher" gewartet haben, ist es nun am 14. Dezember soweit: Die weit über die Grenzen des Landes hinaus als technisches Kabinettstück bekannte, denkmalgeschützte Standseilbahn nimmt nach grundlegender Rekonstruktion ihren Betrieb ebenso wieder auf wie die frisch sanierte und gleichfalls modernisierte Schwarzatalbahn (KBS562). Samt der Bergbahn-Flachstrecke nach Cursdorf sind beide Linien seit Sommer 2001 in einem Betrieb von DB RegioNetz als Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn (OBS) vereint. Über die Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten mit Gleisbau, Neuaufbau von Antriebsanlage und Fahrzeugen sowie zahlreichen weiteren Maßnahmen in erheblichem Gesamtumfang bei beträchtlicher Unterstützung durch den Freistaat Thüringen wurde in ..RegioTakte" ausführlich berichtet.

 

Sicherheitstest mit Bravour bestanden

Eine ingenieurtechnische Herausforderung stellte die zeitgemäße Rekonstruktion der Bergbahn-Antriebs- und Steuerungstechnik unter Beachtung des Denkmalschutzes dar. Die jetzige Maschineninstallation ermöglichte das Know how des damit beauftragten Schweizer Seilbahnspezialisten. Nach Fertigstellung erfolgte am 25.0ktober die TÜV-Abnahme im Auftrag des Eisen-Bahn-Bundesamtes - eine Prüfung auf Herz und Nieren. Ohne Netz und doppelten Boden, sprich: An der Standseilbahn wurden bis zum äußersten Not-Szenario alle betrieblich möglichen Fälle ,,durchgespielt", die gesamte Anlage einem Ganz-Tages-Extrem-Test unterzogen, verschiedenste Havariesituationen inbegriffen. So musste der Personenwagen auch unter den widrigsten Bedingungen (Höchstlast, nasse Schienen, Laubfall) an der ungünstigsten (steilsten) Stelle problemlos wieder anfahren. Ebenso kam es auf den Nachweis an, das Fahrzeug in extremster Lage auf der Steilstrecke sicher halten zu können - in Kombination der drei unabhängig voneinander wirkenden Bremssysteme. Dabei gelang es sogar, allein mit dem neuen Motor den Wagen am Seil bis zum Stillstand abzubremsen - möglich durch die Drehstromtechnik. Mit seiner höchsten Geschwindigkeit von 1,6m/sec wurde der Personenwagen von der gezogenen Fangbremse zuverlässig gestoppt. Als „Fahrgäste" dienten 411 Sandsäcke zu je 25kg.

 

Zahlen sprechen Bände

Welche Leistungen an Kraft und Material zur Erneuerung der 79 Jahre alten Bergbahn notwendig waren, verdeutlicht eine Aufstellung, die Günter Kretzschmar, Technischer Leiter der OBS, für ,,RegioTakte" fertigte:

  • Holzsanierung: 10 m3
  • Dachabdichtung: 700 m²
  • Bitumenschindeln: 500 m²
  • Schweißbahnen: 200 m²
  • Dachrinnen: 260 m
  • Fenster (versch. groß): 33
  • Abbruch: 50 m³
  • Sandstrahlen: 600 m²
  • Spritzbeton: 325 m² + 110 m² (Maschinenraum)
  • Farbanstrich: 1500 m²
  • Erdaushub: 180 m³

Allein an der 25%-geneigten Steilstrecke mussten 343 Tonnen Schotter eingebracht und 176 Schwellen gewechselt werden - alles in mühevoller Handarbeit mit nur bescheidenen, am Steilhang einsetzbaren Hilfsmitteln, wie einem Kleinbagger. Auf der 2,5 km langen Flachstrecke wechselten die Gleisbauer der Firma Spitzke 1207 (!) Schwellen aus. Einzeln, Stück für Stück, denn moderne Umbautechnik mit vorgefertigten Gleisjochen kommt nicht auf die Deesbacher Höhe.

An der rund 25km langen Schwarzatalstrecke waren u.a. vier Brücken und 22 Durchlässe zu sanieren. Je acht Stützmauern und Durchlässe neu zu bauen und auf 18,6 km Strecke das Gleis sowie 37 Bahnübergänge zu sanieren oder umzubauen. Für Zugkreuzungen wurde der Bahnhof Sitzendorf eingerichtet. Zum Betriebskonzept informiert Uwe Zehrt, Verantwortlicher der DBS für Marketing, Verkehr und Betrieb.

 

Zu jeder Stunde hin und zurück

Auf der Schwarzatalbahn fahren die Züge, moderne Nahverkehrs-Triebwagen der OBS, künftig im Stundentakt (Bergbahn mit Flach-Strecke halbstündlich). Die täglich 15 Fahrten in jede Richtung beginnen jeweils in Rottenbach und Katzhütte. Zugkreuzungen sind im Bahnhof Sitzendorf, der neu mit Rückfallweichen ausgerüstet ist. Die Züge verkehren im Zugleitbetrieb, erstmal bei einem Unternehmen der DB nach VDV-Regelwerk! Zugleiter ist der Fahrdienstleiter in Rottenbach. Neu ist auch der GSM Zugfunk auf der Schwarzatalbahn. Fünf neue, technisch gesicherte Bahnübergänge schaffen weitere Voraussetzung für einen sicheren Eisenbahnbetrieb. Die aufgeführten Rationalisierungsmaßnahmen (Rückfallweichen, GSM Zugfunk, Zugleitbetrieb) sind die Voraussetzung für einen kostengünstigen Betrieb ohne örtliches Infrastrukturpersonal. Rottenbach ist Umsteigestation. Mit dem Stundentakt verbessern sich die Reisemöglichkeiten erheblich. Besonders die Verbindungen nach Erfurt und Saalfeld mit Anschluss zum Fernverkehr profitieren davon. Verursacht durch den versetzten Takt auf der Strecke Arnstadt-Saalfeld, können aber zum Teil noch keine optimalen Umsteigezeiten in Rottenbach angeboten werden. Dafür wäre als zweiter Kreuzungsbahnhof auf der Schwarzatalbahn die Station Mellenbach-Glasbach notwendig, Für den Erfolg der Schwarzatalbahn halten wir es deshalb für wichtig, Mellenbach-Glasbach als weiteren Kreuzungsbahnhof auszubauen und zu nutzen. Für touristisch ambitionierte Fahrgaste, die zum Beispiel aus dem Raum Jena kommen, wären sicherlich direkte Anschlüsse in Saalfeld weiter nach Rottenbatch/Katzhütte ideal. Dieses Problem ist nur in Zusammenarbeit von NVS, DB Regio Verkehrsbetrieb Thüringen, Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn sowie DB Netz zu lösen. Andererseits hat sich bei Gesprächen mit einigen Wandergruppen aus dem Jenaer Raum überraschenderweise gezeigt, dass für diese Zielgruppe die längeren Fahrzeiten nicht das Problem sind, solange das Umfeld (Züge, Bahnhöfe) annehmbar ist und die Anschlüsse klappen. Zufriedenstellen kann uns das natürlich nicht.

 

Top-Angebot

,,Tageskarte" für Bahn und Bus Ein günstiges Angebot ist die ,,Tageskarte" ( 8.80€), mit der unser gesamtes Streckennetz an dem Geltungstag und die Busse der OVS/FVG bis Rudolstadt, Saalfeld und Neuhaus (Busse werktags ab 09.00 Uhr) beliebig genutzt werden können. Der Beitrag der OVS/PVG ist in diesem Zusammenhang besonders zu würdigen, ist doch eine solche Partnerschaft von Bus und Bahn noch längst nicht überall gegeben.

Personenwagen an der Bergstation Lichtenhain Gemeinsam sorgen wir damit für eine Einbindung der ganzen Region, die Verbindung nach Rudolstadt, das traditionell eine starke Bindung zum Schwarzatal hat, sowie nach Neuhaus am Rennweg als ein Hauptort des Urlaubergebiets Rennsteig und Bindeglied zur parallel neueröffneten Süd-Thüringen-Bahn. Gleichermaßen wurde ein akzeptables Angebot für die Einheimischen zur Nutzung „ihrer" Berg- und Schwarzatalbahn geschaffen. Zu beachten ist allerdings, dass die Angebote „Schönes Wochenende Ticket", "Thüringen Ticket" und „Hopper-Ticket" auf der Oberweißbacher Bergbahn nicht gelten.

 

Mit den Anliegern im Sinne der Region

Weiterhin beteiligt sich die OBS an den Systemen ThüringenCard und der Thüringer WaldCard mit dem Ziel, auch unsere Fahrgastzahlen zu steigern, Dabei wollen wir mit der ThüringenCard weitgereiste Besucher des Freistaates und mit der Thüringer WaldCard speziell die Urlauber im Rennsteiggebiet auf uns aufmerksam machen. An der Thüringer WaldCard zeigen auch andere Unternehmen des ÖPNV Interesse, so dass hier weitere Verknüpfungsmöglichkeiten bestehen. Verkauft werden unsere Fahrkarten über Automaten im Zug, unser Personal und eine Agentur an der Talstation Obstfelderschmiede. Unsere Marketingstrategie wollen wir partnerschaftlich zusammen mit den Anliegergemeinden, die allesamt vom Markennamen ,,Bergbahn" profitieren, umsetzen. Nach der Wiederinbetriebnahme ist die 8O-Jahr-Feier der Bergbahn vom 30. Mai bis zum 1. Juni 2003 das nächste große Ereignis, wofür die Vorbereitungen schon begonnen haben.

 

Preiswerte Tickets für Besucher und Pendler

Im Verkehrsvertrag wurde festgeschrieben, dass auf der Schwarzatalbahn die Tarife der DB gelten, die Bergbahn aber einen eigenen Tarif anwendet. Aus diesem Grunde gab die OBS einen Marktforschungs-Auftrag an eine ÖPNV-Beratungsgesellschaft mit dem Ziel, auf Grundlage der ermittelten Ergebnisse einen geeigneten Tarif für die OBS zu erstellen: einfach und übersichtlich. Gültig auf der Bergbahn und der Schwarzatalbahn samt ausgewählten Buslinien der Region und familienfreundlich.

Dazu wurden Einwohner von Erfurt und Saalfeld, Anwohner der Bergbahnregion sowie Touristen nach verschiedenen direkten und indirekten Nutzerkriterien befragt. So auch danach, welchen Preis der Befragte zu zahlen bereit wäre. Aus den Ergebnissen ging ein Tarif hervor, der mittlerweile durch die Genehmigungsbehörden des Freistaates bestätigt ist und die Ziele erfüllt. So gilt die "einfache Fahrt" (4,90 €) auf der gesamten Schwarzatalbahn und der Bergbahn. Kinder in Begleitung unter 14 Jahren fahren kostenlos. Damit brauchte keine extra Familienkarte eingeführt werden. Wenn man die Summe der Einzelpreise vor der Stilllegung addiert, sieht man, dass die jetzige ,,einfache Fahrt" preiswerter geworden ist.

raanzer.de